Birnensortengarten Obereisenhausen

... einzigartiger Schatz von Obstsorten

Foto: lichtbilddesigner-ei.com
Foto: lichtbilddesigner-ei.com

Im Jahr 2007 hat der Obst- und Gartenbauverein Oberes Perftal im Rahmen der Aktivitäten des Kreisverbandes Biedenkopf für Obstbau, Garten und Landschaftspflege e.V.  eine einzigartige Sammlung historischer Obstsorten angepflanzt.

 

Grundlage für die Sammlung bildete das Obstbaubilderwerk "Deutschlands Obstsorten". Dieses beschreibt neben 108 Apfelsorten auch 86 Birnensorten. Es wurde von 1904 bis 1933 in 26 Lieferungen herausgegeben und gilt als das bedeutendste deutsche Standardwerk über Obstsorten des 20. Jahrhunderts.

In ungewöhnlicher Detailtreue wurden Früchte am Baum im pflückreifen und gleichzeitig genussreifen Zustand gezeigt. Dies ist zeitgleich in einer Abbildung nur in der Wiedergabe als gemaltes Bild möglich. Außerdem wird jeweils ein Quer- und Längsschnitt der Frucht gezeigt, was wichtig für die Identifikation der Früchte und damit für die Sortenbestimmung ist. Diese auch ästhetisch ansprechenden Abbildungen, die die Besucher der Birnenwiese begeistern, wurden in Originalgröße (DIN A4) farblich reproduziert. Sie wurden an einem Holzgestell seitlich neben dem gepflanzten Baum angebracht. Zusätzlich zu den Abbildungen sind Kurzbeschreibungen der abgebildeten Obstsorte angezeigt, die durch Überarbeitungen der originalen mehrseitigen Beschreibungen entstanden und an den heutigen Wissensstand angeglichen sind. So kann der Besucher Informationen über den Birnbaum, den er gerade sieht, direkt vor Ort erhalten. Allein diese Kombination von besonderer Obstsorte und pädagogischer Aufbereitung, fachlich und künstlerisch zusammengefügt, ist in Deutschland einmalig. Für Birnen kommt sie nur in Steffenberg - Obereisenhausen vor. 

 

Die Sammlung historischer Birnensorten, die in dem Obstbilderwerk enthalten sind, bedurfte erheblicher Anstrengung und Mühe. Projekte, diese großen zum Teil seltenen oder verschollenen Birnensorten zu sammeln und in dieser Form anzupflanzen, hat es bisher noch nicht gegeben. Die meisten Sorten sind inzwischen so selten geworden, dass es enormen Aufwandes und eines fast kriminalistischen Spürsinns bedarf, um sie in Restvorkommen zu ermitteln. Daraufhin müssen Reiser besorgt, deren Vermehrung veranlasst und die entsprechende Baumbeschaffung organisiert werden. 

 

 

Beispielsweise konnten aus verschiedenen Quellen solch seltene Sorten wie "Geheimrat Dr. Thiel" (ein Vorkommen in Deutschland) oder "Virgouleuse" (erst kürzlich wiederentdeckt) besorgt werden. Für die Sorte "Idaho" könnte es zu spät sein - auf dem Europäischen Kontinent ist sie ausgestorben. Eventuell bietet die englische Sortensammlung noch eine Chance. 

 

Die Birnensortensammlung in Obereisenhausen ist ein fast unschätzbarer Genpool, der durch seine Lage und durch das hohe Engagement des beteiligten Vereins einzigartig in Deutschland dasteht. Viele der angepflanzten Sorten kommen in dieser robusten und langlebigen Hochstamm-Form in Deutschland nur hier vor. Sollte es aufgrund von Seuchen oder anderer Kalamitäten zum Wegfall bestimmter Standorte und damit zum Aussterben einiger Birnensorten in Deutschland und Mitteleuropa kommen, böte Steffenberg - Obereisenhausen noch eine aufgrund der isolierten Höhenlage sichere Rückzugs- und damit Erhaltungsmöglichkeit.  Hinzu kommt, dass der bundesweit führende Birnen-Pomologe Jan Bade aus Kaufungen, einer der wenigen anerkannten Sortenbestimmer bei Birnensorten, die Bäume laufend auf ihre Sortenechtheit überprüft. Damit kann gewährleistet werden, dass nur überprüfte Reiser vor kontrollierten Bäumen abgegeben werden, was zur Sortensicherung beitragen wird. 

 

Die Summe der angefürten Einzelthemen geben dem Birnensortengarten Obereisenhausen eine besondere Bedeutung, weit über den Standort Hessens hinaus, so dass der Kreisverband Biedenkopf zur Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege e.V. bzw. der Obst- und Gartenbauverein Oberes Perftal eine besondere finanzielle Unterstützung verdient, um dieses bedeutenden Projekt umsetzen zu können.

 

Dr. Norbert Clement

(Landkreis Marburg-Biedenkopf, FB "Ländlicher Raum und Verbraucherschutz"; Fachdienstleiter "Erneuerbare Energien und Agrarumwelt")

 

 

Foto: lichtbilddesigner-ei.com
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- Auszug aus "Birnensorten im Altkreis Biedenkopf"; Kreisverband Biedenkopf zur Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege e.V.;Dr. Norbert Clement, Fachberater Obstbau und Pomologe, Marburg; 2. Auflage Mai 2016